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Karwoche 7. April 2020 

Passionsandacht    „wohl an dem Kreuze lange…“              

Liebe Gemeinde!

In diesen Tagen stecken wir irgendwie fest. Wir sind nicht nur eingeschränkt in unserer Bewegungsfreiheit und unserem Spielraum. Zwischen Zuhausebleiben und Abstandhalten verändert die Corona-Krise das Raumerleben. Doch auch unsere Zeiterfahrung ist eine andere geworden. Mir wird bewusst, wie sehr ich mich normalerweise an der Zukunft ausrichte, wie wichtig im Alltag Pläne, Projekte, Erwartung und Vorfreude sind.

Aber all das wird grade unmöglich. Wir wissen nicht wie es weitergeht und was noch auf uns zukommt.  „Wie lange?“  fragen die Menschen in immer neuen Variationen, sich selbst oder die Experten, Politiker und Virologen.

Wie lange muss ich noch zu Hause bleiben, weg von der Schule, vom Arbeitsplatz? Wie lange meinen Laden, mein Restaurant geschlossen halten? Wie lange wird das öffentliche Leben ruhen? Wie lange darf ich meine Enkel nicht sehen? Wie lange nicht mit Freunden feiern? Wie lange muss ich mich sorgen um die Genesung eines lieben Menschen, wie lange mich fürchten vor Ansteckung? Wie lange dürfen wir keine Gottesdienste feiern?

Wahrscheinlich ist: wir müssen uns abfinden und einrichten auf eine lange Zeit in Unsicherheit, in ungewohnten Einschränkungen, in Verzicht und körperlichem Abstand zueinander. In Sehnsucht und Vermissen.

Die Frage „wie lange?“ findet sich auch in der Bibel, vor allem in ihren Gebeten, den Palmen. An Gott gerichtet verwandelt sich die Frage in Klage.

 

Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?

Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?

Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele

Und mich ängsten in meinem Herzen täglich?  (Psalm 13)

Vieles wurde und wird jetzt abgesagt, storniert, verschoben. So auch Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion, die unser Heslacher ökumenischer Chor und der Motettenchor  an Karfreitag aufführen wollten.

Aus diesem großen Werk möchte ich einen Gedanken hervorheben, der bei Betrachtung des Leidens Jesu eine tragende Rolle spielt. Es ist die Eigenschaft, die Haltung der Geduld.

Der Eingangschor Matthäuspassion imaginiert in Musik und Text so etwas wie eine Prozession der Gläubigen zum Kreuz.  Sie werden aufgefordert, den Weg Jesu mitzugehen, sein Leiden mitzutragen. Kommt, ihr Schwestern, helft mir klagen!  In der Phantasie, im Geist, im gemeinsamen Gedenken entsteht eine Blickrichtung, entsteht Bewegung, entsteht Raum. Und schließlich auch Zukunft.

Dieser Chor (die Schwestern werden angesprochen, weil nach den biblischen Passionsberichten es die Frauen sind, die bis zu seinem Tod in Jesu Nähe bleiben - doch dürfen sich auch die Brüder gemeint fühlen - ) beweint den Verlust des Heilands und bestaunt seine Geduld mit uns Menschen

Mit großer zeigender Geste weist der Eingangschor auf die gemarterte beladene Gestalt:  Seht! „Seht die Geduld! Seht ihn, aus Lieb und Huld Holz zum Kreuze selber tragen“.

 

Auch in der Choralfantasie (am   Schluss des 1. Teil):  O Mensch, bewein dein Sünde groß wird diese große Geduld abgebildet und hörbar in den weiten Bögen der einzelnen Stimmen, die mit langem Atem ineinander greifen, sich verschlingen und kreuzen.

Den Toten er das Leben gab, und tat dabei all Krankheit ab….trug unsrer Sünden schwere Schuld wohl an dem Kreuze lange.“

Beide Choräle besingen die Geduld Jesu. Im Schicksal, das er bewusst und frei auf sich nimmt, wird er zum Inbild für die Geduld Gottes selbst, die Schuld und Krankheit überwindet.

Geduld: eine Eigenschaft Gottes. Sie reimt sich auf Huld: sein Erbarmen und Mitgefühl, die großherzige Langmut. Und: Geduld reimt sich auf Schuld – Gott trägt und erträgt die menschliche Schuld. Das bedeutet doch auch: Leiden ist nicht von Gott verhängte Strafe – auch wenn sich im Zusammenhang von Leid immer die Frage nach menschlicher Schuld und Verantwortung stellt, nach unserer Beteiligung und Verstrickung, als Verursacher und Mitwirkende. Was haben wir versäumt?  Was nicht gesehen? Und wie verhalten wir uns zur Not der Nächsten: solidarisch oder gleichgültig?

Die Passionsgeschichten fordern uns auf, mitzugehen, dabeizubleiben, standzuhalten. Sie stellen in Aussicht, dass wir im Weg Jesu Gottes Geduld und Treue entdecken: Gott geht mit uns, Gott bleibt da, bleibt da für uns. Er hält für uns Zukunft bereit, wie er das für Jesus getan hat. Seine Langmut kann uns langen Mut in unsicheren Zeiten spenden, kann Antwort und Trost werden auf die bange Frage“ wie lange?“.

Bleiben Sie behütet! 

Ihre Katrin Büttner

 

Ein Text von Kurt Marti, eine Passionsklage

rätsel geduld

Getäuscht und getreten in friedenszeiten

In kriegen wie lämmer zur schlachtbank geführt

            Unbegreiflich die geduld der völker

gewinnbringend mit wucher und giften im frieden misshandelt

In kriegszeiten unerbittlich verwüstete oder vermint

            Unbegreiflich die geduld der erde

welt des gekreuzigten/ gekreuzigte welt

wo täglich der vorhang im tempel zerreißt

            unbegreiflich die geduld des himmels

schweigender gott! Siehst du denn nicht wie ratlos wir sind?

Wie geängstet die völker? wie verwundet die erde?

            Unbegreiflich deine geduld                           

(K. Marti, Die Liebe geht zu Fuß, S. 217)

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielleicht kennen Sie ja jemanden in Ihrer Nachbarschaft, der keinen Zugang zu unserer Homepage und damit zu den Andachten hat?

Am Ende von diesem Text wird die Andacht als PDF-Link zum Download angeboten, mit dem man die Andachten dann ausdrucken kann.

Falls es Ihnen möglich ist, überlegen Sie doch, ob Sie nicht ein Exemplar ein paar Häuser weiter einwerfen.

Vielleicht ist gerade dort eine Andacht in diesen Tagen gut aufgehoben…

Ihre Evang. Kirchengemeinde Heslach

Andacht als PDF herunterladen bitte hier klicken

 

 

 

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